EditorialDem Himmel so nah – und dabei erdverbunden

Brautkleid bleibt Brautkleid – das ist für mich immer das emotionale Schlussbild einer Modenschau

Redaktionsausflug zur Fashionshow (v. l.): Jan Gritz, Annette Schneider, unsere Kunstexpertin, Nikola Haaks und Guidos Ehemann Frank Mutters

Fotos: Breuel Bild, Privat

Ihr Lieben,

ich freue mich, dass ich wieder einige Zeilen an euch richten darf! Es war ja schon ein irritierender Sommer: Wie kann es so heiß sein? Seit den vergangenen Monaten weiß ich, was der Klimawandel alles kann. Zum Beispiel die Gummischuhe meiner lieben Freundin Katharina Thalbach zum Schmelzen bringen! Es geschah am heißesten Tag des Jahres, das Thermometer zeigte 42 Grad, und genau da fand meine Modenschau auf der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin statt. Wir hatten tagelang unsere Kollektion gefittet, auf den Stangen hingen die Herbst/Winter-Modelle, die Mädchen trugen also Steppmäntel und wollige Begleiter. Es war ein Irrsinn! An dem Tag hatte wahrscheinlich nur der Straßenbau noch härtere Bedingungen. Dann abends, um 18 Uhr 30, schmolzen meiner Freundin Kathi die Sohlen weg, als sie auf einer Bahnschwelle der »Klimawandel« ereilte. Frank und ich waren Zeugen. Während der Show saß sie dann barfuß in der ersten Reihe. Vielleicht wird das ja ein neuer Trend? Ich fand’s herrlich.

Ansonsten waren meine Wochen geprägt vom Umbau unseres Hauses in Hamburg und dem Umzug dahin. Jeder, der schon mal sein Zuhause zusammengepackt und dabei realisiert hat, was mit der Zeit durch die Haustür reingekommen ist, wird wissen,
dass ein Wohnungswechsel zu den ­großen Herausforderungen des Lebens zählt. Das ganze Zeug muss ja auch irgendwann wieder raus!

Aber endlich zum Heft: Unsere Titelgeschichte in dieser Ausgabe dreht sich um »Himmel und Erde«, um Spiritualität und Glaube, denn irgendeinen Halt suchen ja alle im Leben. Wenn ihr jemals bei Gewitter in einem Zelt gesessen habt, wisst ihr, was ich meine. Da hofft dann jeder, dass eine höhere Macht seine schützende Hand über die sechs Stangen und das imprägnierte Stückchen Stoff hält. Der Kirche laufen zwar die Mitglieder weg, dafür rennen Hunderte in Lifecoach-Seminare oder befragen die Sterne. Wie auch immer man es nennt: Zwischen Himmel und Erde geht gerade wieder die Post ab! Ab Seite 76 …

Das Thema passt auch wunderbar zur Mode, denn wenn ein Hütchen der Himmel ist, dann ist die Erde ein hübscher Schuh. Dazwischen gibt es genug Platz, um stilvoll den Herbst zu begrüßen. Die Moderedakteurinnen bekommen noch immer den »entrückten Blick«, wenn sie an unsere Pro­duktion in Schweden denken. Wer jetzt glaubt, der Guido fährt da mit, hängt in Stockholm ab, knabbert an Köttbullar, trägt nur noch Gelb-Blau und ist von Königin ­Sylvia zum Tee eingeladen, den muss ich enttäuschen: Nein, nein, ich saß auf der Fashion Week oder in der Redaktion in Hamburg, habe dann aber die entstandene Fotostrecke (ab Seite 28) gefeiert. Es geht darin um die neue Klarheit. Der Modetrend ist endlich wieder da und hat es verdient, auf einigen Seiten Beachtung zu finden: schlichte Looks in reduzierter Location, ­Farben, die eigentlich keine sind, dazu gekonnte Schnitte, die davon erzählen, was Mode nun einmal auch ist – Handwerkskunst. Unser Model sieht ein wenig aus wie Victoria Beckham, allerdings mit entspannteren Gesichtszügen.
Wer jemals so attraktiv auf einem Felsen gehockt hat, dem sollte im Leben nichts mehr passieren – außer, der schöne helle Wollmantel zieht ein Fädchen.

Bei der Style-Challenge hatte diesmal ein Karomantel mit gelbem Fake-Fur-Futter die Hauptrolle. Lara, Anke, Mandy und Livia haben sich mutig dieser textilen Herausforderung gestellt und zeigen ab Seite 18, wie unterschiedlich man einen Glencheckmantel stylen kann. Für mich war von viel zu viel bis perfekt alles dabei. Und was meint ihr?

Sehr ans Herz ging mir das Gespräch »unter vier Augen« (ab Seite 106) mit einer Frau, die ich bei meiner Arbeit mit der DKMS Life kennenlernen durfte – dieser tollen Organisation, die Stammzell­spenden an Patienten mit Blutkrebs vermittelt. Mit Natasha sprach ich über ihren Brustkrebs. Die Diagnose traf sie in einem Moment, der so absurd weit entfernt ist von dem, was gerade erlebt werden könnte. Ach, vergesst ­einfach nie, füreinander da zu sein! 

Das gilt natürlich genauso für die leichten Momente. Ich kann nur sagen: Macht mehr Feste, denn wer einlädt, hat nicht nur Arbeit und die Bude voll, er schafft auch was ganz Wunderbares – tolle gemeinsame Stunden. Meine ­Kollegen geben euch ab Seite 116 herrlich unkomplizierte Tipps fürs sizilianische Dolce Vita. 

Zu guter Letzt empfehle ich euch die Reise nach München (ab Seite 168). Mit Blick aufs Oktober­fest wär noch zu sagen: Alle Mädels mit etwas mehr Körper können sehr gut Dirndl tragen – es ist eines der freundlichsten Kleidermodelle der Menschheit. Pack ma’s! 

Euer Guido Maria Kretschmer